Weihnachtsfeier Altenhilfe 2015

Foto Maurer WeiFei 2015

Ein bisschen Maffay, ein bisschen Mundart

200 Gäste kamen zur Weihnachtsfeier der FR-Altenhilfe und freuten sich über Schlager, Harfenmusik und Frankfurter Lieder

Von Kathrin Rosendorff und Peter Jülich (Fotos)

Langsam füllt sich der Rollatoren-Parkplatz vor dem Hauptsaal. Es ist kurz vor 14 Uhr im Bürgerhaus Nordwestzentrum. Die Besitzer bekommen einen grünen Zettel mit einer Nummer in die Hand gedrückt, damit es später auch nicht zu Verwechslungen kommt. „Rollatoren müssen draußen bleiben, sonst wird das zu eng im Saal“, sagt Günter Petzschner, erster Vorsitzender des Carnevals- und Tanzsportclubs „Die Krätscher“. Seit vier Jahren unterstützt der Verein die Weihnachtsfeier der FR Altenhilfe.

Der Verein ist auch für die Organisation des zweieinhalbstündigen Bühnenprogramms verantwortlich. „Fastnachtsgröße Karl Oertl, der seit Jahren das Programm plant, hatte uns damals angesprochen“, erzählt Petzschner. Die Vereinsmitglieder haben auch Weihnachts-Tüten für die 200 Gäste gepackt. Darin sind Dinge wie Wein, Wurst und Stollen.

Auf den schön geschmückten Tischen stehen Weihnachtssterne. Die Blumen dürfen die Gäste später auch mitnehmen, wenn sie das wollen. Diese setzen sich schon mal und nehmen einen Bissen vom Stollen. Gleich geht die Show los. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, andere ihre Enkel. Viele sind aber auch allein gekommen. Wie ein 73-jähriger Herr, der zum ersten Mal hier ist: „Ich habe mich sehr über die Einladung zur Weihnachtsfeier der FR-Altenhilfe gefreut. Ich bin ganz allein. Hier komme ich mal unter Leute. Das ist meine einzige Weihnachtsfeier. Ehrlich gesagt ist das mein Heiligabend.“

Foto Saal WeiFei 2015

Alle warten auf die hessische Entertainer-Ikone Karl Oertl. „Der Karl“ sei immer da und ihr Lieblingskünstler, sagt eine Dame: „Der Karl ist super, der nimmt kein Blatt vor den Mund, und der bringt so richtig bumms in die Weihnachtsfeier.“ Diesmal musste er aber absagen. „Seine Frau musste ins Krankenhaus, und er wollte bei ihr sein“, erzählt sein Vertreter Benny Maro, Jahrgang 1947, in seiner Garderobe fünf Minuten, bevor er auf die Bühne muss. Der Sänger und Moderator ist ein alter Hase im Showgeschäft: 1969 ist er in der Eurovisions-Sendung: „ZDF-Show-Chance“ mit Dieter Thomas Heck aufgetreten. Für die Weihnachtsfeier trägt der Frankfurter graues Jackett mit Western-Brosche am Kragen. „Eigentlich sollte ich hier nur singen, aber als Karl mich vor ein paar Tagen bat, für ihn einzuspringen, habe ich gleich zugesagt.“ Kopfzerbrechen oder Alpträume mit Schweißausbrüchen habe ihm das nicht bereitet. „Ich bin schon so lange im Geschäft, da kann ich einiges abrufen.“ Dann geht er zur Bühnentür.

„Freunde Frankfurts, seid gegrüßt“, sagt er mit einem Strahle-Lächeln, auf das Dieter Thomas Heck sicherlich stolz wäre. Jingle Bells wird zu „Ebbelwei ist in“. Eine Zuschauerin flüstert: „Mir fehlt der Karl, aber ich bin dankbar, dass der Benny das macht.“ Er muss die Show nicht allein bestreiten: Das Odeon Orchestrion begleitet ihn. Karin Franke-André, Dozentin am Dr. Hoch’s Konservatorium, und Esther Groß sorgen „für ruhige, besinnliche Klänge“ an der Harfe.

Foto Benny Maro WeihFei 2015

So drückt es eine Dame aus, die mit dem Herrn neben ihr etwas flirtet. Soweit das geht. „Ich habe die Ohrdinger, also mein Hörgerät, zu Hause vergessen“, sagt die 86-Jährige und lacht. Seit 1983 sei sie Witwe. „Ich mag am liebsten amerikanische Weihnachtslieder, da sing’ ich auch gerne mit, auch wenn die anderen das immer nicht so toll finden“, erzählt sie. „Mit meinen Enkeln gehe ich auch noch gerne in die Disko. Auch wenn die Leute mich blöd angucken. Ich mag Techno sehr, aber das würde hier nicht reinpassen.“ Sie lacht. Im Alltag kümmert sie sich um ihre Enkel und schmeißt den Haushalt, weil ihre Tochter, die an MS leidet, dazu nicht in der Lage ist. Und auch wenn sie ärmlich lebt und hart arbeitet, lässt sie sich die Lebensfreude nicht nehmen. Bei „Winter Wonderland“ ist sie etwas irritiert, weil Maro das in der deutschen Fassung singt. „Da kann ich den Text nicht mitsingen“, sagt sie und begleitet es einfach auf Englisch.

Ein adrett angezogener älterer Herr schimpft mit einem jungen Mädchen, das seiner Oma ständig Bilder auf dem Smartphone zeigt. „Das gehört sich nicht, und das habe ich ihr auch gesagt.“ Das Mädchen packt das Smartphone tatsächlich weg. „Die wird mich wahrscheinlich verdammen“, sagt er und grinst. Seine Grundrente sei sehr knapp. „So ein bisschen habe ich mir auf die Seite gelegt.“

Foto Gäste WeiFei 2015

Zwei Freundinnen, beide im roten Pulli, eine 72, die andere 76, genießen die Musik sehr. “ Eine der beiden hat einen ausgedruckten Online-Artikel dabei. Mit dem Originalaufruf der Altenhilfe von FR-Mitherausgeber und Chefredakteur Karl Gerold von 1949. Anfangs ging es nicht nur um arme Senioren zur Weihnachtszeit, sondern auch um mittellose Familien: „In der Oskar-von-Miller-Straße wird in einem Teil des Hauses gebaut, im anderen lebt heute die Flüchtlingsfamilie L. mit fünf Kindern zwischen vier und 14 Jahren. Die Mauern sind völlig unverputzt, das Zimmer hat überhaupt kein Licht. Drei große Betten und ein kleines Bett stehen darin. Aus den Wollmatratzen hat man sich für den Winter Zudecken geschaffen…“ „Die Flüchtlingsfamilie L. waren wir“, erzählt die Dame. „Ich war erst sechs Jahre alt, und meine Eltern haben später nie mehr über die Zeit gesprochen.“ Ihre Freundin erzählt, dass sie leidet, weil man sich als alter, kranker Mensch oft sehr verletzende Sätze anhören muss. „Mein Arzt hat mir neulich tatsächlich ins Gesicht gesagt: ‚Sie kosten dem Staat nur Geld, sterben Sie bitte endlich.‘“ Und auch wenn sie manchmal in ein emotionales Loch fallen würde, sagt sie: „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Benny Maro singt derweil Peter Maffays Tabaluga-Song „Ich wollte nie erwachsen sein“: Die Textzeile „Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben“ löst bei einigen der Senioren feuchte Augen aus. Einer ruft: „super!“ Auch Maros Interpretation von Udo Jürgens’ „Immer wieder geht die Sonne auf“ bekommt viel Applaus.

Mit Liedern voll „goldischer Frankfurter Mundart“ punktet Monika Maurer am Akkordeon. Zum Gedenken an Heinz Schenk, „der dieses Jahr 91 Jahre geworden wäre“, singt sie aus Blauen- Bock-Zeiten „Es ist alles nur geliehen“. Etwas schief und heiser, dafür um so fröhlicher singt ein Herr im Holzfällerhemd mit. „Ich bin ein Frankfurter Bub und liebe einfach die Frankfurter Sprache“, sagt er und lacht. „Ich finde alle Lieder toll. Ich bin zum dritten Mal hier. Aber manche babbeln zu laut, dabei ist die Musik so schön.“

Foto Gäste2 WeiFei 2015

Neben ihm sitzen seine Nachbarin und sein Nachbar. „Wir leben alle im gleichen Hochhaus, und wir sind die besten Freunde.“ Die 350 Euro Weihnachtsgeld von der FR-Altenhilfe kamen gerade richtig. „Mein Hörgerät ist kaputt gegangen, die Stifte sind ständig rausgefallen, und die Krankenkasse gibt nichts dazu für ein neues. Das kostet 1500 Euro.“ Seine Nachbarin ist gerade 80 geworden: Sie hat sich nur einen Luxus vom Weihnachtsgeld gegönnt: einen rosa Pulli mit Glitzersteinchen. Sie ist alleinstehend. „Wir helfen uns gegenseitig. Ein Paar sind wir aber nicht. Meine beiden Nachbarn sind verzaubert, wenn Sie wissen, was ich meine?“. Sie lacht. „Aber ernsthaft, die beiden Jungs sind zuverlässiger als jede beste Freundin.“

Über die Weihnachtspläne sind sich die Herrn nicht einig. Sie sind von einem schwäbischen Nachbarn eingeladen. „Da will ich nicht mit. Ich verstehe kein Wort. Der schwäbelt“, sagt der Frankfurter Bub. Dann singt er „Süßer die Glocken nie klingen.“

Foto Geschenktüten WeihFei 2015