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Die Mutter ist schon vor dem Mauerbau abgehauen. 1955, da war Moritz A. vier Jahre alt, hat er gespürt, dass er „als Kind nicht erwünscht ist“.

Der Mutter hat er mittlerweile längst verziehen, sie habe keine andere Chance gehabt, dem Elend im Arbeiter- und Bauernstaat der DDR zu entfliehen. Dem schlagenden Vater mit dem Ledergürtel, dem er später den Tod wünschte. Schmerz und Wut sind noch spürbar, wenn er von ihm als „Bastard“ spricht, der 92 Jahre alt geworden ist.

Im Erzgebirge, in einem „Kaff bei Leipzig“, ist Moritz A. aufgewachsen. Bei den Großeltern meist, geschützt vor dem „alten Sack“, wie er den Vater auch nennt. Von der Oma hat er viel gelernt, sie war Ortskrankenschwester. Davon hat er noch profitiert, als er die demente Mutter über Jahre bis zu ihrem Tod betreut hat.

Das gehört dann schon in die Frankfurter Geschichte von Moritz A., in sein zweites Leben nach traumatischer Kindheit und Jugend im Osten. Der Heranwachsende sieht sich über all die Jahre „gesellschaftlich ausgeschlossen“. Er hatte seinen eigenen Willen, das kam nicht gut an, auch nicht bei den Eltern der Mädchen, für die er sich interessierte.

Moritz A. engagiert sich ehrenamtlich, geht zur Feuerwehr, macht als Rettungsschwimmer Training mit Kindern und gibt Erste-Hilfe-Kurse. Mit dem Regime und den Parteigängern will er nichts zu tun haben.

Das Leben ändert sich mit einem Arbeitsunfall als 18-Jähriger. Dreher hat er gelernt, bei Sachsenring Zwickau, wo der berühmte „Rennpappe-Trabi“ hergestellt wird. Die Wirbelsäule ist arg lädiert, Moritz A. wird ausgemustert und will nur noch raus aus der DDR.

Dem Antrag auf Familienzusammenführung wird nach drei Jahren stattgegeben, sein neues Leben mit der Mutter beginnt 1972 im Frankfurter Stadtteil Berkersheim. Die Ausbildung ist am westlichen Arbeitsmarkt nichts wert, er wird sich durchschlagen als Beifahrer in Lastwagen, Lieferant, Taxifahrer.

Viel Geld hat er da als Pizza-Bote der US-Amerikaner aus den Kasernen im Frankfurter Osten verdient. Da war er auch kurzzeitig verheiratet, hat vor lauter Arbeit aber nicht gemerkt, dass die Frau Alkoholikerin war und einen Berg von Schulden angehäuft hat.

„Ich war jung, dumm, verliebt.“ Nur einmal, dann hat er „nie mehr jemand so nah rangelassen“. Er lebt seit 36 Jahren allein. Inzwischen nach einem Schlaganfall vor zwei Jahren mit häuslicher Pflege Stufe 3 in seiner Mini-Wohnung.

An guten Tagen geht er noch raus im Rollstuhl, lässt sich zum Rewe, Arzt oder zur Bank fahren und sitzt dann eine Stunde draußen in seinem Kiez. Dankbar für jeden Gruß, Schwatz und für die Stütze der FR-Altenhilfe, die ihm kleine Anschaffungen für den Haushalt ermöglicht.
Jürgen Streicher