Mit 17 Jahren ist Hildegard V. vom Land in die große Stadt gezogen. Mit dem Mann fürs Leben.
Er ist aus Frankfurt, sie folgt ihm. Als sie 19 Jahre alt ist, heiraten sie, im selben Jahr kommt die Tochter zur Welt. Aber der Prinz ist nur zwei, drei Jahre ein Prinz. „Bei mir hat’s nicht gut funktioniert“, erinnert sie sich und meint ihr Familienleben.
Dabei hatte sie damals, in ihrer Kindheit, ein schönes Leben in der Familie. Aber in der Ehe läuft es anders: Alkohol, Aggressionen, sie erträgt lange alles, aber im siebten Jahr gibt sie auf, lässt sich scheiden.
Fröhlich klingt die Stimme von Hildegard V., wenn sie vom Rheinland erzählt, von dem Ort, wo sie als Kind gelebt hat, in einer Familie mit neun Geschwistern, in der Nachkriegszeit. Sie war Kind Nummer 5, es war nicht immer leicht, aber es war eine schöne Kindheit, an die sie sich gerne erinnert. „Wir haben nichts vermisst, wir hatten ja uns.“
Nach der Volksschule halfen die Kinder mit, im Haushalt und beim Geldverdienen. Hildegard V. übernahm mit 14 Jahren einen Job in einer Fabrik für Näharbeiten. Jeder habe seinen Teil beigetragen, das sei damals so gewesen.
„Ich bin stolz auf die Familie.“ In so einem Satz steckt bei V. kein verklärter Ton. Der Vater hat samstags noch nebenbei gearbeitet. Alle Geschwister sind in der Eifel geblieben, „vier sind leider nicht mehr da“.
Ein Familienglück mit mehreren Kindern findet V. nicht in der Stadt. Sie landet als Verkäuferin bei Aldi und arbeitet, als das Kind noch klein ist, schon halbtags, später als Alleinerziehende ganztags, nur am Wochenende habe sie Zeit für ihre Tochter gehabt.
Als diese mit elf Jahren schwere Hüftoperationen durchstehen muss und nach dem Krankenhaus über Wochen auf einen Rollstuhl angewiesen ist, legt sie eine Pause bei der Arbeit ein, jobbt danach als Verkäuferin in einem Gemüseladen, arbeitet in einer Reinigung und für längere Zeit im Pflegedienst.
Es komme ihr so vor, als sei die Zeit wie im Flug vergangen, jetzt ist sie 69 Jahre alt. Sie lebt immer noch in ihrer ersten Wohnung in der Bärenstraße. Altbau, zweieinhalb Zimmer, vom Balkon kann sie ein Stück vom Zoo sehen.
„Früher bin ich da gerne gewesen“, erzählt sie, in guten Zeiten und auch mit der Tochter. Heute sei sie nicht mehr viel auf Tour, weil sie Neuropathie habe, die Füße würden oft brennen. Und der Hund sei auch nicht mehr da.
„Frankfurt ist meine Heimat geworden“, sagt sie, die alte Heimat sei keine Option. Sie muss halt bescheiden durchs Leben gehen. Knapp 600 Euro Rente bekommt sie, die Wohnung wird durch die Grundsicherung finanziert.
Die FR-Altenhilfe mache das, was sie an Familie so schätze: das Dasein für andere, helfen, wenn man kann. So habe sie es immer selbst gehalten, jetzt freut sie sich auf die Unterstützung zu Weihnachten und ist dafür sehr dankbar.
Weil sie dadurch ein Geschenk für die Enkelin haben wird und die Hausnachbarin zu einem schönen Essen einladen kann. Und weil der Kühlschrank mal gut gefüllt ist. „Jetzt bin ich froh.“ Jürgen Streicher