Bild: Christoph Boeckheler

Als im Osten Berlins noch keiner die Idee hatte, eine Mauer zu bauen, ist Ansgar P. im Alt-Tempelhof der 50er Jahre aufgewachsen.

Hat als Sohn eines Beamten der Bundespost sein Abitur gemacht. Da war die Mauer längst fertig und Ansgar P. bereit für Abenteuer. Er kommt in Kontakt mit einer Gruppe, die Menschen aus dem Ostteil bei der Ausreise hilft, nach Jugoslawien etwa.

Ansgar P. übernimmt „Kurierdienste“, bis er verhaftet wird, weil die Stasi immer mitgehört hat. Er bekommt zweieinhalb Jahre Knast aufgebrummt – Fluchthilfe war in der DDR staatsfeindliche Tätigkeit – er muss in Cottbus hinter Gitter.

Später bekommt er eine Entschädigung von der BRD, „ich galt als Verfolgter“. Er kommt als „nicht vorbestraft“ aus der Geschichte.

Ansgar P. folgt seinen Eltern nach Kriftel, studiert in Frankfurt, macht an der Fachhochschule einen Abschluss in BWL. Personalwirtschaft, Marketing, das ist sein Gebiet, bei einer Firma am Flughafen steigt er ins Berufsleben ein.

Mit seinem Freund und Lebenspartner in Liebe macht er eine Firma auf, sie ergänzen sich als Berater für Werbestrategien.
Elf Jahre hält die Bindung, im Geschäft und in der Liebe. Dann kommt der Horror der 80er und 90er ins Spiel.

Irgendwann haben beide eine HIV-Infektion, der Freund stirbt mit Mitte 30, „das war ein Schlag“ für Ansgar P., der selbst auch von der Krankheit gezeichnet ist. Das Geschäft läuft nicht mehr gut, den Part des Partners kann er nicht übernehmen.

1992 hat er zwei längere Klinik-Aufenthalte, zwei Jahre später noch ein Vierteljahr wegen Aids. Er macht Therapien, braucht regelmäßige Spritzen, viele Medikamente. Seine private Krankenversicherung schmeißt ihn raus, als er mit Zahlungen in Rückstand ist.

Ansgar P. schleppt sich durch. Als Gemeindesekretär bei der Kirche, als Büroleiter in einem Sportverein, später mit Minijobs. Und ist immer ehrenamtlich für die Aidshilfe da.

Die Wohnung im Ostend muss er aufgeben, über das „Amt“ kommt er an eine kleine Bude im Nordend. Er ist nicht mehr gut zu Fuß, im Behindertenausweis ist das markiert. Weil er nur 316 Euro Rente bekommt, ist P. in der Grundsicherung, die Entschädigung für seine Haft wird darauf zum Glück nicht angerechnet.

So bleiben knapp 700 Euro im Monat. Und zweimal im Jahr die Altenhilfe der FR, bei der er auf der Liste steht. Auf Weihnachten freut er sich, die Unterstützung wird reichen, um sich eine Gleitsichtbrille zu leisten. Und ihm helfen, sich bei kleinen Ausflügen zu Freunden im Kiez zurechtzufinden. Jürgen Streicher