Der Wecker klingelt und klingelt. Das Bett sieht ein wenig eigentümlich aus, so wie es da auf hohen Beinen und mit einem Kopfende aus starkem Metall steht.
Die Gäste staunen, als der junge Leonardo Togni auf einmal aufspringt und einen Salto macht. Das Bett entpuppt sich als Trampolin, das metallene Kopfende nutzt Togni zum Landen und Abspringen für verrückt hohe Sprünge und Doppelsalti.
Ein Mann in der ersten Reihe, um die 70 Jahre alt, schlägt sich die Hände vor den Mund, seine Augen glänzen, er lacht. Togni endet damit, dass er nach einem Dreher in der Luft im Fliegen die Hände nach einer Decke ausstreckt, sie blitzschnell über sich wirft und sich wie schlafend auf das Trampolinbett legt. Er erntet großen Applaus.
An die 200 Seniorinnen und Senioren wollten sich diese Vorstellung an einem Mittwochnachmittag nicht entgehen lassen. Zum Varieté im Neuen Theater Höchst hatte sie die Alten- und Weihnachtshilfe der Frankfurter Rundschau eingeladen, wie im vergangenen Jahr.
Michael Bayer, stellvertretender Chefredakteur der FR und Vorstandsmitglied der Altenhilfe, begrüßt die Gäste vor der Vorstellung herzlich. „Sie fragen sich sicher: Sind denn die Leute heute ein bisschen älter als sonst?“, wendet er sich eingangs an die etwa 60 Gäste, die nicht zur Altenhilfe gehören. Leises Lachen im Publikum.
Dann wird Bayer wieder ernst. Die Altenhilfe unterstütze seit mehr als 75 Jahren etwa tausend Haushalte finanziell. Aber auch ein Nachmittag im Varieté zählt zu den aus Spenden finanzierten Aktionen. Ob kleinere oder größere Beträge, Bayer zeigt sich dankbar für jeden Beitrag. „Alle geben das, was sie können“, sagt er.
Karin Zechel ist zum ersten Mal dabei. Etwas zögerlich steht sie anfangs im gut gefüllten Foyer. Noch kennt sie niemanden hier. Auf die Vorstellung freue sie sich aber sehr, sagt sie.
Finanzielle Unterstützung durch die Altenhilfe bekommt sie seit dem vergangenen Jahr. „Die Rente reicht vorn und hinten nicht“, sagt Zechel. Sie sei auch körperlich nicht mehr fit und bleibe daher am liebsten zu Hause.
Die 78-Jährige lächelt wehmütig, als sie davon spricht, dass ihr früher alles leichter gefallen sei und sie jetzt schon ein Spaziergang erschöpfe. Für den Theaterbesuch wagte sie sich jedoch vom Dorf mit Bus und Bahn nach Höchst. Ihre Haare hätten durch den Regen gelitten, lacht sie, dabei wollte sie doch, dass sie gut sitzen.
Zurück auf der Bühne, geht es weiter mit Jonglage, Seifenblasenkunst, einarmigem Handstand auf einer sich drehenden Platte und einem sechsfachen Jojo-Weltmeister. Die Band Neelah spielt live dazu Musik, manche Gäste wippen im Takt mit. An diesem Nachmittag entführen sieben Artistinnen und Artisten ihre Zuschauer und Zuschauerinnen für zwei Stunden in eine andere Welt.
Ein Raunen geht durch die Menge, als Jongleur Lukas Köster sieben quietschorangefarbene Bälle wie Flummis abwechselnd auf den Boden springen lässt, auffängt und in die Luft wirft. Der 70-Jährige in der ersten Reihe starrt mit offenem Mund hin, seine Hände liegen voller Spannung auf den Knien.
Darren Burell hingegen lässt Seifenblasen entstehen, die mindestens so groß wie Fußbälle sind. Ein paar kleinere Blasen erreichen die ersten Reihen im Publikum. Manche strecken ihre Hände oder Füße aus, um sie platzen zu lassen. Dabei sehen sie fast aus wie spielende Kinder, nicht wie ältere Personen, deren körperliche Fitness eingeschränkt ist. Keine Frage: Der Spaß steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Auch das Moderatorenduo „Die lonely Husband“ bringt die Seniorinnen und Senioren etwa mit seiner Übersetzungsnummer zum Lachen. Das „We are looking forward“ von Moderator Rick van Nöten übersetzt der sich dümmlich gebende zweite Moderator Ferdinand Fachblatt etwa mit „Wir gucken vor Ort“. Als die beiden eine Cowboy-Gesangseinlage spielen, ruft eine Dame im Publikum laut „Yeehah!“. Alle, auch die Moderatoren, müssen lachen.
Nach der Veranstaltung wieder im Foyer: Aufbruchstimmung bei den einen, Gespräche, Lachen und Umarmungen bei anderen. Das alles haben Christoph Wieland und Ruth Klesel von der Altenhilfe möglich gemacht. Die beiden parkten Rollstühle, kümmerten sich um die, die nicht mehr gut laufen, sehen oder hören können, und koordinierten Sitzplätze. Für ein Schwätzchen mit bekannten Gesichtern bleibt dennoch Zeit.
Alles zu organisieren, sei ein enormer Aufwand, gibt Ruth Klesel zu. Es lohne sich jedoch jedes Mal. „Ein bisschen Chaos ist immer“, sagt auch Christoph Wieland. Dass sich die Seniorinnen und Senioren aber so sehr freuten, mache das wieder wett. Laudine Grossmann