Herr Koch erhält virtuellen Besuch, unterstützt von einer Pflegekraft. (Bild: Renate Hoyer)

Vom Pflegeheim aus ein Videogespräch mit Angehörigen führen zu können, ist nicht nur in Zeiten der Pandemie hilfreich für Bewohnerinnen und Bewohner. Das setzt allerdings die entsprechenden Ressourcen voraus.

Herr Koch hat einen Termin. Der Bewohner des August-Stunz-Zentrums sitzt im Garten des Pflegeheims der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt vor einem Tisch, auf dem ein Tablet steht, und empfängt virtuell Besuch – ganz unter Einhaltung der Corona-Vorschriften. Das Tablet ist eines von 36 Exemplaren, deren Anschaffung für die drei Frankfurter AWO-Heime die FR-Altenhilfe unterstützt hat.

Denn die AWO, die in Frankfurt außer dem August-Stunz-Zentrum im Ostend noch das Johanna-Kirchner-Zentrum und das Traute-und-Hans-Matthöfer-Haus betreut, verfügte vor der Corona-Krise nur über wenige Tablets. Das Stunz-Zentrum, mit 209 Bewohnern das größte der drei Einrichtungen, hatte sogar nur eins. Und so erreichte die Altenhilfe-Aktion der Frankfurter Rundschau am 2. April ein Schreiben der AWO Frankfurt mit der Bitte um finanzielle Unterstützung für eine multmediale Aufrüstung.

„Da nach dem Lockdown die Heimbewohner keinen Besuch mehr empfangen durften, kein gemeinsames Fernsehgucken mehr möglich war und Heimbewohner, die aus dem Krankenhaus kamen, zunächst zwei Wochen in Quarantäne mussten, haben wir die Finanzierung der Geräte beschlossen“ , berichtet der Vorsitzende der FR-Hilfsaktion, Hans-Dieter Klein.

Mit einer Spende in Höhe von 18 500 Euro unterstützte die FR-Altenhilfe die Anschaffung von insgesamt 36 Tablets, 18 CD-Playern und11  Fernsehgeräten. Die Geräte verteilen sich auf die drei Einrichtungen.

Sabine Kunz, die Leiterin des Stunz-Zentrums, sieht eine “ Riesenherausforderung“ im noch immer geltenden Besuchsverbot für Pflegeheime. Umso wichtiger sei es, dass Angehörige der Pflegebedürftigen nicht nur telefonisch Kontakt aufnehmen könnten, sondern per Video. Sie habe Angehörige auch dazu aufgerufen, Videos von sich oder beispielsweise Enkelkindern zu schicken, die sich die Heimbewohner dann ansehen könnten. Das Nutzen der Geräte koordinieren die Fachkräfte der Wohnbereiche.

Der Nutzen der Tablets im Pflegeheim sei vielseitig, betont Kunz. “ Manche Bewohner spielen gerne, können aber die Karten nicht mehr halten“ , erzählt sie. Das digitale Kartenspiel Solitaire sei dazu eine gute Alternative. Außerdem erfreuten sich die Suchmaschinen großer Beliebtheit. Immer wieder kämen solche Impulse: “ Können Sie in dem Kasten mal gucken?“ Dann gehe es etwa um alte und aktuelle Fotos von Städten, in denen die Menschen aufgewachsen seien, oder um ihre Hobbys und weiteren Interessen. Generell kommen die Bewohnerinnen und Bewohner laut Kunz gut mit den Geräten klar: “ Fast alle lernen ganz schnell die Bewegung zum Vergrößern des Bildinhalts.“

In Zukunft sollen Demenzkranke auf den Tablets der Einrichtung auch spezielle Gehirnjoggingspiele nutzen können. Besonders für Menschen, die womöglich passiv werden könnten, seien solche digitale Angebote eine Chance, mental fit zu bleiben.

Außerdem sollen die Fernseher untereinander vernetzt werden, um beispielsweise das Tagesprogramm der Einrichtung zeigen zu können. Momentan sind die Fernseher vor allem in den “Quarantänezimmern“ im Einsatz. Später sollen sie in die Zimmer derjenigen kommen, die sich selbst keinen Fernseher leisten können.

Die CD-Spieler dagegen sollen auch langfristig hauptsächlich für die Gemeinschaft bestimmt sein. Musikwünsche aller Art der Pflegebedürftigen seien herzlich willkommen, sagt Kunz. Insgesamt sei ihr wichtig, dass mit Hilfe der technischen Geräte die Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner erfüllt würden. Alle müssten sich auch trauen können, Wünsche zu äußern.

Für den Vorsitzenden der FR-Altenhilfe ist es wichtig, den Bewohnerinnen und Bewohnern eine “schöne Abwechslung“ zu ermöglichen: “Sie haben derzeit keinerlei zusätzliche soziale Ansprache. Sie sind aufgefordert, in ihren Wohnbereichen zu bleiben, und die Pfleger haben wegen der zusätzlichen Schutzmaßnahmen weniger Zeit für die persönliche Ansprache“ , sagt Hans-Dieter Klein. “ Viele Bewohner haben Angst. Mit den Tablets ist wieder ein persönlicher Kontakt zu ihren Angehörigen möglich.“

Digitale Angebote gehörten immer häufiger zu den Anforderungen bei der Wahl einer Pflegeeinrichtung, ergänzt AWO-Kreisvorstand Gerhard Romen. Für viele ältere Menschen sei das Nutzen digitaler Geräte bereits selbstverständlich. “Corona hat für Rückenwind im Bereich Digitalisierung gesorgt.“

Romen ist seit März als Interimsvorstand des Kreisverbands aktiv, nachdem der AWO-Skandal bekanntgeworden war. Gegen den langjährigen vorherigen Geschäftsführer der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, Jürgen Richter, und einige frühere Funktionären ermittelt die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen des Verdachts des Betrugs.

Seitdem arbeitet Romen an der Schadensbegrenzung. “Wir haben uns selbst geschädigt, aber das haben wir jetzt geändert“ , versichert er. Der Verband habe Einsparungen vorgenommen und Prozesse verändert, die die “Günstlingswirtschaft“ ermöglicht hätten. Mit einer “Transparenzoffensive“ gehe es nun darum, das Vertrauen in den Kreisverband zurückzugewinnen. Clara Gehrunger