Für Juliane B. ist die Angst zu einem ständigen Begleiter geworden. „Vor Erhöhung der Miete, Verteuerung der Umlagen, ansteigenden Lebenshaltungskosten.“
Es sei ein wahnsinniger Druck, erzählt eine Frau, die sich als einen positiven und kreativen Geist bezeichnet, die „viel erlebt“ und gemeistert hat. Heute wohnt die 70-Jährige in einer Neu-Isenburger Zweizimmerwohnung und muss monatlich mit zirka 300 Euro auskommen.
Geld, das nach Abzug laufender Kosten von einer kleinen Rente plus Grundsicherung übrig bleibt und für notwendige Alltagsanschaffungen hinreichen muss. „Manchmal“, so Juliane B., „greife ich nach dem 20. des Monats auf Reserven zurück.“
Für neue Kleidung reiche das Budget jedenfalls kaum. Umso mehr begrüßt sie die Altenhilfe-Zuwendung, die ihr seit April des laufenden Jahres gewährt wird. „Da konnte ich mir endlich eine Brille leisten – ein wahrer Segen!“
Dankbar blickt die „am Tiergarten in Frankfurt“ aufgewachsene Frau auch auf eine Lebensbahn, die als „bunt“ eingeordnet wird. Mit 23 Jahren, nachdem das Abitur geschafft und ein Studium begonnen ist, verbringt sie einen Urlaub in England, wo sie einen Musiker kennenlernt. „Die Liebe meines Lebens.“
Das Glück ist nur von kurzer Dauer. Der Mann verstirbt bei einem Autounfall, und die junge Frankfurterin stürzt in tiefe Verzweiflung. Bis heute wird der jähe Verlust als schmerzliche Zäsur empfunden.
Juliane B. verabschiedet sich von der Universität und sucht Erfüllung in der Schauspielerei. Mit Gleichgesinnten gründet die begeisterte Kunstliebhaberin ein Jugendtheater, das sich zu einem Tourneebetrieb ausweitet und große Erfolge feiert.
„Neben meinem Bühnenengagement habe ich noch gearbeitet“, sagt die mittlerweile von chronischen Gelenkschmerzen geplagte Frau. Jammern aber gilt nicht: Den Haushalt bewältigt sie genauso wie das geliebte Fahrradfahren – „es funktioniert besser als das Laufen“.
Als sich die Theatergruppe in Auflösung befindet, nimmt sie das Angebot einer bekannten Firma im Bereich Unterhaltungsindustrie an, um fortan zwischen Frankfurt und Berlin zu pendeln. Der „sehr gute Job“ endet mit Umstrukturierungen, die in einer „Entlassungswelle“ münden. „Ich war über 50 und plötzlich ohne echte Perspektive.“
Ein Versuch als selbstständige Kulturschaffende in Berlin schlägt fehl, die Rückkehr an den heimatlichen Main ist unumgänglich. Die folgenden Beschäftigungen sind vielfältig, kurzfristig, unergiebig. Putzstellen, Weihnachtsmarktstände, dies und jenes. „Das hat die Rente natürlich empfindlich beeinflusst.“
Mit dem wenigen verfügbaren Geld lasse sich Teilhabe kaum erlangen. Café- oder Theaterbesuche sind für Juliane B. fast unerschwinglich geworden. „Die Scham ist da, wenn ich meinen Bekannten ständig absagen muss.“ Olaf Velte