Man muss wohl dabei gewesen sein, um die ganze Dimension des Tages begreifen zu können. 70 bis 80 Menschen drängen sich in ein italienisches Restaurant, und hintereinander kommen zehn, zwölf oder gar fünfzehn Gänge auf den Tisch.
Es sind immer andere Sorten von Nudeln, mal mit Soße, mal mit Pesto, alles selbst gemacht. Irgendwann werden die Mägen immer voller und die Leute freuen sich, wenn endlich mal ein Gang Radicchio statt Pasta ist.
Das Restaurant fährt vier Schichten, bedient also zwischen 280 und 320 Gäste. Und trotzdem kommen die Menschen Jahr für Jahr wieder ins „Da Claudio“, das Restaurant von Claudio Bertozzi, um am Pasta-Festival teilzunehmen. Denn man isst für einen guten Zweck: für die Altenhilfe der Frankfurter Rundschau.
Jahrzehntelang hat Claudio Bertozzi das Festival wieder und wieder auf die Beine gestellt. Angefangen Mitte der 80er Jahre bis in die 2010er Jahre hinein. Bei den Aktionen kamen regelmäßig zwischen 1.500 und 4.000 Euro zusammen, die Gesamtsumme lässt sich nicht mehr genau beziffern, liegt aber über 36.000 Euro. Am 29. Juni ist Claudio Bertozzi nun im Alter von 82 Jahren in Frankfurt gestorben.
Seine jüngste Tochter Elena Bertozzi erinnert sich: „Papa war sehr für Feste zu haben.“ Gleichzeitig habe er auf die Wünsche der Gäste gehört und gern auch etwas Neues ausprobiert. So etablierte er in seinem italienischen Restaurant das Martinsgansessen und bot an Wochenenden Kochkurse an. Sein Spezialgebiet war die Pasta, die er selbst herstellte.
Vielleicht wurde dieser Grundstein schon in seiner Kindheit von seiner Mutter gelegt. Bertozzi kam am 26. März 1944 in Gatteo in der Region Emilia-Romagna als drittes von vier Kindern zur Welt. Schon in jungen Jahren half er dem Vater, der Bauer war, auf dem Feld. Später strebte er seinen älteren Brüdern nach, die in die Gastronomie gegangen waren. Er lernte in verschiedenen italienischen Städten.
1965 wird er zum ersten Mal Vater einer Tochter, ein Jahr später folgt sein erster Sohn. Zu jener Zeit ist er schon in Deutschland, die Rezepte seiner Mutter im Reisegepäck, sozusagen. Mit eigener Kreativität entwickelt er seine Pasta-Spezialitäten weiter. 1972 macht er sich selbstständig, damals noch in Walldorf.
Vier Jahre später kehrt er nach Frankfurt zurück, wo er bereits zuvor als Angestellter gekocht hat. Das „Da Claudio“ öffnet seine Türen in der Zum-Jungen-Straße. Aus seiner zweiten Ehe gehen ebenfalls ein Sohn und eine Tochter hervor, 1983 und 1986. Zu jener Zeit ist das „Da Claudio“ schon etabliert. „Papa war Entertainer, Gastgeber, Freund und auch Dickkopf“, sagt Elena Bertozzi, die selbst zehn Jahre im Restaurant mit ihm gearbeitet hat.
Am liebsten mochte er jene Gäste, die ihm freie Hand ließen. Bertozzi bevorzugte einfache Rezepte und kochte mit viel Geduld und Hingabe. Die Gäste wussten es zu schätzen, wenn er im Restaurant Gitarre spielte, aber auch wenn er sie charmant begrüßte. Viele kannte er mit Namen, und wenn nicht, dann wusste er den Beruf und gewann mit seiner Freundlichkeit die Menschen.
So verwundert es nicht, dass auch Stars ins „Da Claudio“ kamen. Eros Ramazzotti, Umberto Tozzi, Udo Jürgens, Otto Waalkes, David Hasselhoff, Harry Belafonte oder auch die Rolling Stones. Viele große Namen sind im Gästebuch verewigt.
Der Maestro blieb aber immer einfach Claudio. Der seine Gäste in seinen regelmäßigen Briefen mit „Lieber Gast, lieber Freund“ ansprach und in späten Jahren, als das Restaurant schon in die Elbinger Straße und schließlich in den Rebstöcker Weg umgezogen war, die Rente nie akzeptieren wollte. „Das Restaurant war sein Leben. Wir Kinder aber auch“, sagt Elena Bertozzi.
Claudio wird fehlen. Allen, die ihn kannten, und auch den Menschen der FR-Altenhilfe. Steven Miksch